27. Juni 2020
Barbara Wehlen-Leibrock zu einem aktuellen Thema:

Balkonien


Urlaub war dieses Jahr ein schwieriges Thema. Corona hatte Britta, wie so vielen anderen, einen Strich durch die gesamte Ferienplanung gemacht. Was wäre es so schön gewesen, an südländischen Gefilden zu sitzen und unter Palmen und weißem Strand den Sonnenuntergang am Meer zu genießen. Doch es kam noch schlimmer. Als Selbstständiger hatte sie große finanzielle Ausfälle gehabt und daher waren Ferien an fernen Gestaden in unerreichbare Ferne gerückt.

In der Coronakrise hatte sie die Zeit genutzt und ihre Wohnung nach und nach renoviert. Die Wohnung strahlte in neuem Weiß, der Fußboden war frisch renoviert.  Und erstmals in diesem Jahr hatte sie sich unter die Gärtner begeben. Sie hatte zwar nur einen kleinen Balkon, aber als sie auf dem Markt die schönen Pflanzen sah, konnte sie der Versuchung nicht widerstehen. Nun blühten auf ihrem Balkon in den Kästen die Petunien und Geranien und an der Wand standen die Tomaten und Paprika. Sie waren genau in der Sonne und gediehen prächtig. Wahrscheinlich würden sie im Juli reife Früchte tragen. Britta stand auf ihrem Balkon und schaute sich ihre Gemüsepflanzen und ihre blühende Farbenpracht an. Im Juli hatte sie Urlaub geplant, noch vor Corona. Doch warum sollte sie dieses Jahr wegfahren? Warum nicht mal Urlaub auf Balkonien? Das war ein Ziel, wo sie schon lange nicht mehr Urlaub gemacht hatte. Britta kam ins Überlegen. Beim Aufräumen hatte sie viele alte Bücher ihrer Eltern gefunden und in einer großen Kiste gestapelt. Sie stöberte in der Kiste. Dürrenmatt, Böll, Lenz, Mann, die gesamten Werke. Darunter ein Buch, das Britta schon lange nicht mehr in den Händen gehabt hatte. Ihre alte Schulbibel, die ihre Eltern aufgehoben hatten. Mit der Kirche hatte Britta schon seit vielen Jahren abgeschlossen. Unschlüssig hielt sie die Bibel in der Hand, bis sie sie aufschlug und in ihr blätterte. Was sie las, gefiel ihr. Davon wollte sie noch mehr lesen. Und so beschloss sie ihren Urlaub auf ihrem blühenden Balkon zu verbringen, inmitten ihrer Bücher. Ihre Schulbibel legte sie oben auf den Stapel der Bücher. Sie wollte sich auf die Spurensuche begeben, nach Dingen, die im Laufe der Zeit verschollen waren und die wiederentdeckt werden sollten. Jetzt nahm sie sich die Zeit.


Barbara Wehlen-Leibrock
Grumbachtalweg 129
66121 Saarbrücken
Telefon: 06815006734




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