26. Juni 2022
Rudolf Renner zu einem aktuellen Thema:

Freiheit zählt


Der deutsche Musiker Marius Müller-Westernhagen hat vor über 30 Jahren ein Lied geschrieben, das seitdem Kultstatus erreicht hat – „Freiheit“. 1987 komponiert, entstand es noch zu Zeiten des Kalten Krieges. 1990, als die Mauer zwischen den beiden deutschen Staaten fiel, wurde es zu einer Art Freiheitshymne, auch wenn der Künstler das selbst gar nicht so beabsichtigt hatte.

Vor wenigen Wochen hatte ich in der Polizeiausbildung an der Fachhochschule Göttelborn eine Einheit zum Thema „Freiheit“ und bin mit diesem Lied eingestiegen. Auf meine Frage, ob die Anwärterinnen und Anwärter es kennen, meinten einige „ja, wir haben es auf den ‘Spaziergängen‘ der Anticoronademonstrantinnen und -demonstranten gehört“. Und ich habe deutlich von ihnen gehört, dass sie es nicht in Ordnung fanden, dass dieses Lied dort gespielt wurde.

Auch ich finde es eine Unverfrorenheit, dieses Lied für derartige Zwecke zu missbrauchen. In einer Zeit, in der Menschen in Europa, in der Ukraine, unter Einsatz ihres Lebens für ihre Freiheit kämpfen und wirklich von Unfreiheit bedroht sind, nutzen Menschen hier ihre Freiheiten und sprechen von angeblicher Unfreiheit – wie absurd! „Meine Freiheit endet am Gartenzaun meines Nachbarn oder meiner Nachbarin“ – dieser einfache Satz spricht eine Erfahrung aus, ohne die unser Zusammenleben nicht funktioniert. Christinnen und Christen wissen, dass zur Freiheit immer auch Verantwortung gehört und dass es keine grenzenlose Freiheit geben kann, wenn unsere Gesellschaft funktionieren soll.

„Freiheit ist die einzige, die fehlt“ und „Freiheit ist das einzige, was zählt“ – zwei Kernsätze des Liedes. In unserer deutschen Geschichte haben Menschen mehrfach erlebt, was es heißt, wenn Freiheit wirklich fehlt und wie kostbar sie ist. Jetzt zu behaupten, dass Freiheit – angeblich – wieder fehlt, verspottet diese Erfahrung und nimmt Menschen nicht ernst, die wirklich fehlende Freiheit erlebt haben oder erleben.

Ich wünsche uns, dass wir grade in diesen Zeiten mit unseren Freiheiten sehr verantwortungsvoll umgehen.





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