01. Mai 2021

Vermehrt Angstzustände, Depressionen und Suizidgedanken - Telefonseelsorge


Im Jahr 2020 haben deutlich mehr Menschen die Telefonseelsorge kontaktiert als im Jahr zuvor. Dabei hat die Corona-Pandemie die Sorgen und Ängste verstärkt.

Pfarrer Volker Bier, evangelischer Leiter der Telefonseelsorge Saar, spricht gar von einer „gesellschaftlichen Grunderkrankung Einsamkeit“. Und: Vor allem junge Menschen äußern Suizidgedanken.

 

Die Zahlen für die 20 Telefonseelsorge-Standorte auf dem Gebiet der Evangelischen Kirche im Rheinland für das Jahr 2020 lassen aufhorchen: Ein Plus von 35 Prozent auf 6426 Chat-Gespräche im Vergleich zu 2019, zudem ein starker Anstieg bei der E-Mail-Seelsorge (+28 Prozent auf 10.402). Hinzu kommen 1207 Vor-Ort-Gespräche (2019: 786) und 227.328 Anrufe (2019: 229.318). Das geht aus der nun veröffentlichten Statistik für 2020 hervor. „Vor allem während der Lockdowns waren die Seelsorge-Telefone stark frequentiert“, weiß Pfarrer Volker Bier, evangelischer Leiter der Telefonseelsorge Saar.

 

Einsatzbereitschaft der Mitarbeitenden ermöglicht Gespräche-Plus Dass so viele Menschen die Telefonseelsorge kontaktieren konnten, liegt vor allem an der Einsatzbereitschaft der Mitarbeitenden während der Corona-Pandemie. „An vielen Stellen haben wir die Besetzung verdoppelt und Dienstzeiten ausgeweitet, so dass wir mehr Telefonanrufe, Mails oder Chat-Nachrichten beantworten konnten“, berichtet Bier über die Lage der Telefonseelsorge in der gesamten rheinischen Kirche. Zudem hätten weniger Anrufende geschwiegen oder schnell wieder aufgelegt. „Somit stieg auch der Anteil der Anrufe, bei denen es tatsächlich zum Gespräch kam.“

 

„Bei uns melden sich die Ärmsten der Armen“ Die Zahl der Erstgespräche per Telefon ist laut Statistik um 2,5 Prozent gestiegen. „Insgesamt haben im vergangenen Jahr also mehr als 5600 Menschen auf dem Gebiet der rheinischen Kirche zum ersten Mal angerufen“, sagt Bier. Mehr als 60 Prozent aller Anrufenden würden schließlich mehrmals zum Hörer greifen. Und: Im Durchschnitt klingele an jeder Telefonseelsorge-Stelle täglich 31 Mal das Telefon. All das verdeutliche den gesellschaftlichen Stellenwert der Telefonseelsorge, der sich nicht betriebswirtschaftlich bemessen lasse. „Bei uns melden sich die Ärmsten der Armen, und zwar nicht in finanzieller Hinsicht.“ Vielmehr würden sie von der Gesellschaft übersehen und nicht gehört. „Für diese Menschen ohne Stimme sind wir ein wichtiger anonymer Ansprechpartner.“

 

Themen und Klientel abhängig vom Medium

Die vorgebrachten Themen (Mehrfachnennungen sind möglich) und die Klientel sind laut Bier abhängig vom Medium. Im Bereich Mail-Seelsorge zeigt die Statistik für 2020 etwa beim Thema Depression einen Anstieg um rund 7,5 Prozentpunkte. In den Vor-Ort-Gesprächen hat das Thema Suizidalität gar um 20,3 Prozentpunkte zugenommen. „Am Telefon, über das uns überwiegend 40- bis 60-Jährige kontaktieren, darunter viele Frauen, ist eine Zunahme bei Ängsten um 2,5 Prozentpunkte zu verzeichnen“, erläutert Bier.

 

Corona-Pandemie rückt erst im zweiten Lockdown in Fokus Zudem habe es im Laufe des Jahres eine große Veränderung hinsichtlich Corona gegeben. Denn die Pandemie ist laut Bier erst im Laufe des zweiten Lockdowns in den Vordergrund getreten. „Zuvor diente Corona eher als Einstieg für tieferliegende Themen wie Einsamkeit oder Isolation.“ Mittlerweile gehe es im Schnitt bei jedem zehnten Anruf um Corona selbst. Gleichzeitig seien die Probleme, die Corona direkt auslöse und verursache – also nicht nur verstärke – gestiegen. „Einsamkeit ist aber das beherrschende Thema am Telefon, eine Art ,Grunderkrankung‘ unserer Gesellschaft“, betont Bier. Diese beschäftige während der Pandemie zunehmend auch die jüngeren Menschen.

 

14- bis 29-Jährige äußern häufig Suizidgedanken Die 14- bis 29-Jährigen nutzen zur Kontaktaufnahme vor allem den Chat. „Neben Angst, Gewalt und Selbstverletzung ist Suizidalität in dieser Gruppe mit knapp 40 Prozent das mit Abstand wichtigste Thema“, weiß Bier. Ähnliches gelte für die Mailkontakte. Hier sei Suizidalität in 30 Prozent der Kontaktaufnahmen der meist nur wenig älteren Menschen ein Thema. Zudem liege bei rund 40 Prozent der Kontaktsuchenden im Chat eine diagnostizierte psychische Erkrankung vor – ein Plus von 15 Prozent im Vergleich zu 2019. „Ein irritierender und erschreckender Einblick in die Lebenswelt von jungen Menschen heute“, sagt Bier.

                                                                                  Andreas Attinger

 





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